Rede zum 9. November in Ahrensburg

Tobias von Pein

Anlässlich des „Gang des Erinnerns“ zum 9. November 2017 in Ahrensburg habe ich einen Redebeitrag gehalten, um an drei Ahrensburger Kommunalpolitiker zu erinnern. Die Rede dokumentiere ich hier:

 

(Es gilt das gesprochene Wort)

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

In den letzten Jahren und auch heute haben wir  viel über die Verfolgung, Verschleppung und Ermordung von Ahrensburger Juden und Behinderten berichtet.

 

Jetzt soll es um eine Gruppe von Politikern gehen, die in Ahrensburg lebten und ebenfalls von den Nazis verfolgt  wurden.

 

Um die politische Stimmung in ganz Deutschland  vor und nach der sogenannten  Machtergreifung 1933 aufzuzeigen, möchte ich  aus zwei Hamburger  Dokumenten  zitieren:

Hamburg, d.3. November 1930

Der Senat eröffnet  den  Behörden zur Mitteilung  an alle Beamten:

Beamte, die Parteien und Organisationen unterstützen oder fördern, die den gewaltsamen Umsturz der bestehenden Staatsordnung erstreben,

verletzen die aus dem Beamtenverhältnis sich ergebende Treuepflicht des Beamten gegenüber dem Staat und machen sich eines Dienstvergehens schuldig.

 

Zu diesen Parteien gehören die KPD und die NSDAP. Die KPD hat selbst zugegeben, dass sie den gewaltsamen Umsturz der  bestehenden Staatsordnung erstrebt. Die NSDAP verfolgt nach  zahlreichen Äußerungen (..) das gleiche Ziel. Gegenteilige Erklärungen von Führern dieser Partei aus jüngster Zeit beweisen nicht, dass die NSDAP diese Ziele aufgegeben hat. Der Senat warnt daher die Beamtenschaft nachdrücklich vor jeder Unterstützung und Förderung solcher Parteien und Organisationen.

Zur Beglaubigung  gez. Kaulfuß

 

 

Soweit. So gut? Einige Jahre später sah es dann ganz anders aus

 

 

30.August 1933

(Der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg):

Der Senat  stellt den Staats-und Gemeindebehörden—letztere durch die Landherrschafft— und den unter die Achtunddreißigste Verordnung zur Sicherung des Staatshaushalts fallenden Körperschaften nachstehende Abschrift zur Kenntnisnahme zu. In Erwartung der Senatsverfügung vom 29.März 1933 und der Senatsverordnung, betreffend Maßnahmen zum Schutze von Volk und Staat vom 23. Juni 1933,  sind die Beamten, Angestellten und Arbeiter sowie die Empfänger von Versorgungsbezügen darauf hinzuweisen, daß nicht nur  die Zugehörigkeit, sondern jede auch nur lose Verbindung mit der Kommunistischen und der Sozialdemokratischen Partei sowie den Hilfs-und Ersatzorganisationen und Vertretern im Ausland verboten ist. Die infrage kommenden Personen sind zu veranlassen, schriftlich zu erklären, daß sie keinerlei Beziehungen mehr zu den genannten Parteien, ihren Hilfs-und Ersatzorganisationen und Vertretern im Auslandmehr unterhalten, unter ausdrücklichem Hinweis darauf, daß unrichtige Angaben oder Unterlassungen der erforderlichen Erklärungen Dienstentlassung und Entziehung der Versorgungsbezüge zur Folge haben können.

                                                           

Zur Beglaubigung  gez. Kaulfuß

Hamburg, den 30.  August 1933

 

Solcherlei Anordnungen gab  es deutschlandweit!

Wie wirkte  sich dieses Parteienverbot  in Ahrensburg aus ?

 

Mit der Machtergreifung  Hitlers und der Nazis war auch das Ende der demokratischen Gemeindevertreter und der demokratischen  Selbstverwaltung in Ahrensburg gekommen.

 

Die sozialdemokratischen Gemeindevertreter  Otto Siege, Heinrich Paap,  Wilhelm Ruge und Julius Gäthje waren bei der Kommunalwahl am 12. März 1933 noch einmal für die SPD in die Gemeindevertretung gewählt worden, also kurz bevor die Partei verboten wurde.

Auf der Gemeindevertretersitzung unter dem Vorsitz des stellvertretenden Gemeindevorstehers und NSDAP- Ortsgruppenleiters Professor Meyer wurden am 21.Juli die sozialdemokratischen Mitglieder aus der Gemeindevertretung ausgeschlossen.

 

In dem Gemeindeprotokoll heißt es unter dem TOP „Mitteilungen“

  1. a) Ausschluß von Gemeindevertretern

Auf ministerielle Anordnung sind die Mitglieder der SPD,  bzw. der von Wahlvorschlägen der SPD gewählten Gemeindevertreter und Ausschußmitglieder von der Ausübung ihrer Mandate ausgeschlossen…

 

Damit  war die  Geschichte der Sozialdemokraten,  auch in Ahrensburg,  für 12 Jahre unterbrochen. Was  aber nicht hieß, dass sie nicht im Privaten weiterversuchten, die Strukturen aufrecht  zu erhalten.

Otto Wilhelm Heinrich Siege, geb. am 4.4.1879 war von Beruf Postsekretär und von 1922 bis 1933 Gemeindevertreter und außerdem Kreis-und Landtagsabgeordneter für die SPD. Er verlor durch das Parteiverbot nicht nur seine politischen Ämter, sondern wurde auch arbeitslos.

 

Siege wurde am 21.Juli 1944, einen Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler, als es zu „Säuberungen“ unter Regimegegnern im ganzen Reich kam, verhaftet. Er überstand die Inhaftierung einigermaßen unbeschadet.

 

Als am 3. Mai 1945 britische Truppen Ahrensburg besetzten, bewarben sich zwei Tage später Otto Siege, Bruno Bröker, Alwin Roxin und August Rose beim Chief Commander um die Aufgabe, die Verwaltung zu reorganisieren.

 

Als SPD-Mitglieder galten sie als politisch unbelastet. Die britische Militärregierung betraute Otto Siege übergangsweise mit der Leitung der Verwaltung. (Also als Bürgermeister von Ahrensburg)

 

Als am 6.August 1945 die britische  Besatzungsmacht die Bildung politischer Parteien wieder erlaubte, gehörte Otto Siege dann auch zu denen, die sich für die ersten demokratischen Wahlen zur Verfügung stellten.

 

Im Dezember 1945 wurde Siege zum stellvertretenden Bürgermeister unter Johannes Ziese gewählt.

 

Siege sorgte dafür, dass  am 15.Dezember 1946 auf dem Ahrensburger Friedhof  ein  Findling mit der  Inschrift: „Den Opfern der Diktatur  1933-1945“ eingeweiht wurde.

 

Im Januar 1947 wurde er dann im Amt des SPD-Ortsvereinsvorsitzenden durch Wilhelm Teegen abgelöst.

Otto Wilhelm Heinrich Siege verstarb 1962, 83 jährig und wurde auf dem Ahrensburger Friedhof beigesetzt. Ihm zu Ehren wurde eine Straße im  Gartenholz Otto- Siege- Straße benannt!

 

Otto  Siege hatte die Nazis und den Krieg überlebt.

 

Anders erging es zwei  Sozialdemokraten, die  ebenfalls in Ahrensburg gelebt hatten:  Otto Schumann und Gustav  Delle.

 

 

 

Otto Schumann geb. am 5. Nov. 1888 in Magdeburg war ab 1908 als  Former bei Blohm  und Voss beschäftigt. Er war Soldat  im Ersten Weltkrieg. Nach Kriegsende 1918 wurde er Gewerkschaftsfunktionär und Mitbegründer  des Reichsbanners. Der Reichsbanner war ein Verband, der 1924 gegründet wurde, um die Demokratie in Deutschland gegenüber ihren radikalen Feinden zu verteidigen.

Schumann war Arbeitsvermittler in Hamburg und später beim Landesarbeitsamt Nordmark beschäftigt. Von 1931- 33 war Schumann Mitglied der Hamburger Bürgerschaft.

Im Juni 1933 wurde er fristlos entlassen, im November 1934 verhaftet und wegen  Vorbereitung zum Hochverrat in Hamburg zu 1 Jahr und 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Anschließend behielt man  ihn noch einige Monate in Schutzhaft.

 

Während des Krieges floh Schumann mit seiner Familie vor den  Bombardierungen Hamburgs erst nach Mecklenburg und dann nach Magdeburg.  Als er mit der Familie wieder nach Hamburg zurückkam, zogen sie 1944 nach Ahrensburg.

Im Steinkamp 14 baute Schumann eine so genannte Ley-Baracke. So nannte man Behelfsheime, für die die ausgebombten Kriegsopfer das Material erhielten. Sie sahen Gartenlauben ähnlich.

 

Nach dem Attentat auf Hitler wurde Schumann am 23. August 1944 erneut  verhaftet und in das KZ Neuengamme gesperrt.  Ende 1945 wurde das KZ geräumt. Schumann gehörte wahrscheinlich zu den Tausenden von Gefangenen,  die sich auf den Todesmarsch zur Lübecker Bucht begeben mussten.

 

Dieser Todesmarsch führte auch durch Ahrensburg.

In  der Lübecker Bucht wurden die Gefangenen auf die Schiffe CAP ARCONA und THIELBEK  verbracht.  Bei der Bombardierung der in der Bucht liegenden Schiffe durch die Alliierten wurden auch diese beiden versenkt. Unter den 7000 Häftlingen, die ums Leben kamen war auch Otto Schumann.

Bereits 1946 wurde in Ahrensburg die Straße, in der seine Nachkommen bis heute leben, nach ihm benannt.

Vor  dem Hamburger  Rathaus  wurden 2012 Stolpersteine für die ermordeten Bürgerschaftsabgeordneten gesetzt. So auch  für Otto Schumann.

 

Ein ähnliches Schicksal erlitt Gustav Delle.

Gustav  Delle geb. am 20.9.1880 in Botnang-Kreis  Stuttgart war von Beruf Maler. Er zog 1913 mit seiner Familie  nach Wandsbek-Gartenstadt.

Er wurde 1919  Stadtverordneter und Dezernent für das Wohlfahrtswesen in der damaligen Kreisstadt des Kreises Stormarn, Wandsbek. 1931 wurde  er Zweiter Bürgermeister.

 

Unmittelbar nach der Machtübernahme Im Januar 1933 wurde er festgenommen und als sogenannter  Schutzhäftling 14 Tage im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert.

 

 

 

 

 

1935 verzog Gustav Delle mit  seiner Familie nach  Ahrensburg in die Straße am Tiergarten. Am  22. August 1944 wurde er abermals  verhaftet und an das KZ Neuengamme überstellt. Dort wurden an ihm medizinische Versuche mit  reinem Salicyl, dem  Wirkstoff des Schmerzmittels Aspirin unternommen. Die Nebenwirkungen führten dazu, dass sich ein bereits vorhandenes Magenleiden verschlechterte.

Körperliche Misshandlungen führten ihn dann an den Rand des Zusammenbruchs. Er wurde am 1.Nov.  1944 aus dem KZ entlassen. Sein Hausarzt Dr. Ploog aus der Waldstraße attestierte ihm damals eine starke körperliche und seelische Erschöpfung. Gustav Delle starb am 25.  April 1945 auf dem Transport von Ahrensburg  in das Krankenhaus nach Bad Oldesloe.

Ahrensburg widmete auch ihm schon 1946  eine Straße in der Siedlung Steinkamp.Hamburg erinnert an ihn mit einem Stolperstein vor dem Wandsbeker Bezirksamt!

 

 

Ich bedanke  mich für die Mithilfe zur der Recherche bei

Udo Weber

Elke Petter

Bernd Reher

Jürgen Plage

und  der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg