Anschlag auf Moschee ist Anschlag auf unsere Demokratie


Hier findet Ihr meinen Kommentar mit einigen Hintergründen zu dem schändlichen Anschlag auf die Moschee in Schleswig:

In Berlin in der Oranienburger Straße steht eine große Synagoge. Vor ihr sind rund um die Uhr in einem kleinen Häuschen zwei Polizisten postiert, die das Gebäude vor Angriffen jeder Art beschützen sollen. Jedes Mal, wenn ich dort vorbeikomme, denke ich, wie weit es mit diesem Land gekommen ist, dass ein Gotteshaus, in dem sich Menschen friedlich versammeln, beschützt werden muss.

Seit vergangener Woche muss ich nicht mehr so weit blicken. Ich bin zutiefst bestürzt, denn in Schleswig wurde die Veysel Karani Moschee am vergangenen Mittwoch Opfer einer Koranschändung in den sanitären Einrichtungen neben dem Gebetsraum. Es wurden zerschnittene Koranblätter ins Klo gestopft und der gesamte Raum überflutet. Wie der genaue Tathergang war und wer verantwortlich für diese verabscheuungswürdige Tat ist, müssen polizeiliche Ermittlungen und ein anschließendes Gerichtsverfahren klären. Ich möchte heute über etwas anderes sprechen: den zunehmenden Hass gegenüber Musliminnen und Muslimen in unserer Gesellschaft. Oder vielmehr über den Hass auf alles Andere.

Die Gastarbeiter, die Deutschlands Wirtschaft mitaufbauten nach dem Krieg, kamen in den 1950er und 60er Jahren in dieses Land. Das ist mittlerweile 60 Jahre her. Fast ein ganzes Menschenleben und mittlerweile lebt die dritte Generation hier. Dennoch wurden sie nie wirklich willkommen geheißen. Stattdessen Vorurteile, die dem Othering (also der Ausgrenzung aufgrund Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe) Vorschub leisten. Ihr Glaube wird immerzu mit Terrorismus und Unterdrückung in Verbindung gebracht. Und so geschieht es, dass einige wenige schwarze Schafe (wirklich radikalisierte Terroristen oder auch nur Gefährder) die gesamte „Herde“ (um im Bild zu bleiben) in Verruf bringen. Wie sonst ist es zu erklären, dass bei Berichten über Straftaten immer häufiger nach der Herkunft der Täter gefragt wird? Nicht der Staatsangehörigkeit wohlgemerkt. Denn die ist beinah immer deutsch. Aber erst am Wochenende konnte man bei einem Vergewaltigungsvorwurf von Alice Weidel (AfD-Bundestagsfraktionsvorsitzende) sehen, dass die Rechtspopulisten mittlerweile zwischen „richtigen“ Deutschen und bloßen „Passdeutschen“ unterscheiden. Das ist es, was sie uns glauben machen wollen: Dass es Deutsche zweiter Klasse aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Glaubens gibt. Man kann das schlicht rassistisch nennen oder noch genauer hinsehen.

Denn dahinter steht das Prinzip des sogenannten Nativismus. Er geht von einer statischen Homogenität der Kulturen aus sowie davon, dass nicht in der eigenen Kultur beheimatete Elemente diese Homogenität bedrohen. Demnach können (oder genauer dürfen) sich Kulturen nicht vermischen. Bei der AfD ist diese Ansicht zum Wahn verkommen. Es ist eine selbsterfüllende Prophezeiung, in der sich Menschen, denen man nur lang genug sagt, dass sie nicht dazu gehören, radikalisieren können. Dem gegenüber würde eine Pressemitteilung der AfD, sollte sich herausstellen, dass es einen rechtsextremen Hintergrund gibt, in etwa so aussehen: „Tat eines verwirrten Einzeltäters hat nichts, aber auch gar nichts mit aufrichtigen Deutschen zu tun. Bestimmt waren die alle radikalisiert in der Gemeinde und der verwirrte Einzeltäter, der wirklich nichts mit aufrichtigen Deutschen zu tun hatte, war nur eingeschüchtert und hat seinem Unmut Ausdruck verliehen.“ Richtige Deutsche haben in dieser Perspektive also ein Recht auf Differenzierung, während alle Muslime oder genauer Menschen, die nicht weiß sind, potentielle Gefahren oder gleich Terroristen sind.

Ich bin genauso schockiert, wie der Türkisch-islamische Kulturverein Schleswigs, über diese abscheuliche Tat. Und es ist, wie meine Kollegin Birte Pauls sagt, gar keine Frage, dass er ein selbstverständlicher Teil des Schleswiger Lebens ist. Wer hier lebt, soll sich sicher fühlen dürfen und frei seine Religion und Weltanschauung ausüben dürfen. Und wie ich mich selbst mehrfach bei Besuchen in unserer Ahrensburger Moscheegemeinde überzeugen konnte, versucht das auch die überwiegende Mehrheit der Muslime in Schleswig-Holstein. Aber es sind nicht „die Muslime“ der Fremdkörper in unserer Gesellschaft, die Gruppe, die sich immer wieder rechtfertigen muss für Terror. Es sollten die Rechten selbst sein. Der jüngste Verfassungsschutzbericht des Bundes weist ein extrem gestiegenes Gewaltpotential auf der rechten Seite aus. Das ist in Teilen auch ein Ergebnis einer verrohten Sprache in der Öffentlichkeit, durch die sich so mancher Gewalttäter angestachelt fühlt, den Worten auch Taten folgen zu lassen. Und so wird aus einem Anschlag auf eine Moschee ein Anschlag auf unsere freiheitliche Demokratie. Und alle, die dies auch nur in der kleinsten Form relativieren, sind mitverantwortlich für die Folgen.

Leider handelt es sich bei dieser Koranschändung nicht um eine Einzeltat. Im Juni gab es in Bremen eine ganz ähnliche Tat. Die Ermittlungen haben hier allerdings noch nichts ergeben, sodass ich leider auch in Schleswig keine allzu große Hoffnung habe, dass der oder die Täter gefasst werden. Und so bleibt uns als Zivilgesellschaft nur, wachsamer zu sein und alle besser aufeinander aufzupassen, egal welche Hautfarbe, Religion oder sonstige Merkmale unsere Nachbarn haben. Als Politiker muss ich von der Polizei die lückenlose Aufklärung und Ermittlungen in alle Richtungen fordern. Der psychologische Schaden für Opfer solcher Verbrechen, ist zu Beginn kaum absehbar. Aber wenn das Sicherheitsempfinden von Menschen derart gestört wird, ist die Angst immer da, dass der oder die Täter noch immer dort draußen herumlaufen und eine solche Tat oder Schlimmeres immer wieder geschehen kann.

Für die Reaktion der Gemeinde habe ich darum nur Respekt: Sie sagt, sie sei ein offenes Haus, das seine Türen nicht verschließe. Allerdings möchte sie jetzt Kameras aufhängen, um zu sehen, wer ein- und ausgeht. Und so verstehe ich immer besser, wie es womöglich zu dem Polizeischutz der Neuen Synagoge in Berlin gekommen ist. Deutschland 2019 ist, wenn alle Angst haben sollen vor „den Anderen.“ Dabei sind die einzigen Unruhestifter diejenigen, die vorgeben, die (in ihren Augen homogene) Mehrheit gegen diese Anderen zu verteidigen: die Rechten. Gehen wir es an und zeigen ihnen, dass sie, nicht der türkisch-islamische Kulturverein in Schleswig, in unserer Mitte nicht erwünscht sind!