Kinder und Jugendliche & Corona: Gesundheitsschutz ist mehr als Infektionsschutz

Zur Debatte im Landtag anlässlich der Konferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder zur Corona-Pandemie am 10. Februar 2021.

„Kinder sind unsere Zukunft“, so heißt es oft. Doch in den letzten Monaten haben wir diese aus dem Blick verloren. Die angespannte Lage des letzten Jahres macht viele Kinder und Jugendliche krank. Und sie hatten in der Krise bis jetzt keine wirklich starke Lobby. Das müssen wir eingestehen und ändern.

Es wird immer gesagt, es könnte ein verlorenes Jahr werden. Ich glaube es ist schon ein verlorenes Jahr. Und wir brauchen eine Kinder- und Jugendstrategie – und zwar jetzt.

Die Lage ist ernst. Fachleute schlagen Alarm – Kinder und Jugendpsychologen, Ärzte und Pädagogen. Wir sehen deutlichen Anstieg von psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen aller Altersstufen. Diese können bis zu massiven Beeinträchtigungen und Störungen reichen. Fast jedes dritte Kind zeigt ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Das ist das Ergebnis der zweiten Befragung der sogenannten Copsy-Studie des UKE.

Und auch viele Eltern schlagen Alarm. Auch wir gehören zu den sogenannten Corona-Eltern. Und das kann ich auch einfach mal aussprechen: Wir können schlicht nicht mehr. Und das geht vielen Eltern in diesem Land so.

Kleinkinder zeigen vermehrt Trennungsängste, bei Schulkindern gibt es eine Häufung von Schulängsten und unter Jugendlichen steigt das Risiko von missbräuchlichen Mediennutzungen, Essstörungen, Drogenkonsum und weiteres.

Das sozialpolitische Dilemma dabei ist, dass irgendwann ein sozialpolitisches Rettungspaket dafür brauchen. Spätestens nach der Pandemie müssen wir für all das teuer bezahlen.

Bei dieser problematischen Entwicklung spielt auch das Wegbrechen von Kinder- und Jugendarbeit eine Rolle. Es wurde viel über Schule und Kita gesprochen – das ist auch richtig so. Aber wir müssen auch über die anderen Angebote reden: Die Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen ist ja auch etwas breiter. Angebote der Jugendhilfe, Kindermusikgruppen, Sportmannschaften, Jugendfreizeiten, Jugendtreff oder Pfadfindergruppen, Landjugend und vieles mehr. Kinder und Jugendliche brauchen vor allem Gleichaltrige, um sich entwickeln zu können: Freiräume, Selbstwirksamkeit und Selbstbehauptung.

Das Leben spielt sich eben nicht nur in der Schule ab. In der Schule wird auf Bildung vorbereitet, auf den Arbeitsmarkt – das ist auch alles richtig und wichtig. Aber das bedeutet für viele Kinder und Jugendliche auch Leistung und Zwang. Und wenn jetzt gerade die Sorgen groß sind: Schaffe ich meinen Abschluss? Schaffe ich die Versetzung? Und wir hören, dass es da an manchen Schulen auch schon Eltern gibt, die Sturm laufen, dann ist das eine Sache, die wir an anderer Stelle auch diskutieren. Aber da geht etwas verloren – und das ist nicht gut. Wir werden das an anderer Stelle auch noch breiter diskutieren.

Daher brauchen wir auch ein paar Dinge:

  1. Eine stärkere Unterstützung der Jugendeinrichtungen: personell, technisch, methodisch und hygienisch.
  2. Hygienekonzepte für eine Öffnungsstrategie in der Kinder- und Jugendarbeit. Das könnte man auch parallel zu den Schulen machen, wenn hier mit Tests etc. gearbeitet wird.
  3. Eine verlässliche Kommunikation für Träger der Jugendarbeit. Ehrenamt braucht Vorlaufzeit – wir sollten an dieser Stelle auf sie hören.

Und was ganz wichtig ist: Wir sollten auf die Expert:innen hören – Kinderlobby, Jugendverbände, aber eben auch die Kinder und Jugendlichen selbst. Das ist mein Apell für die nächsten Wochen.

Wenn Kinder unsere Zukunft sind, dann müssen wir das in den nächsten Wochen auch ernst nehmen. Lassen Sie uns das tun!