Kindeswohl vor wirtschaftlichen Interessen

Wir brauchen jetzt ein großes Paket an Maßnahmen, um Kindern und Jugendlichen ein Stück Normalität zurückzugeben. Viel zu lange ist diese Gruppe hinten drüber gefallen. Ihre psychische Gesundheit sollte jetzt deutlich Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen haben. Viel ist für die Kinder und Jugendlichen in unserem Land in letzter Zeit verloren gegangen. Viele Sachen, die wir vor der Pandemie noch als normal betrachtet haben. Und die besten Sachen sind doch die, die man neugierig und abenteuerlustig selbst entdecken kann: das erste Zeltlager, der erste Ausflug auf den Abenteuerspielplatz, der erste Kinobesuch mit Freundinnen, die erste Party, das erste Date. Das müssen wir Kindern und Jugendlichen wieder ermöglichen.

Einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) von Anfang 2021 zeigt, dass fast jedes dritte Kind ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland psychische Auffälligkeiten zeigt. Das ist vollkommen inakzeptabel. Infektionsschutz ist wichtig, aber Gesundheitsschutz ist mehr als Pandemiebekämpfung. Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder Freiräume, auch außerhalb von Familie und Schule, sie müssen Selbstwirksamkeit erfahren können und brauchen Kontakt zu Gleichaltrigen. Für viele Menschen sind die eigenen Freunde dabei eine Art Wahlfamilie, wenn man das so sagen kann. Und eben diese Wahlfamilie und der Kontakt mit ihr ist enorm wichtig. Das kann ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen. Im Sommer muss es daher wieder möglich werden, dass Kinder und Jugendliche mehrere Tage aus den eigenen vier Wänden herauskommen und sich mit ihren Freund*innen treffen können. Nicht Schule sollte in den Ferien nachgeholt werden, sondern Lebenserfahrungen.

Den Antrag der Jamaika-Koalition begrüße ich zwar, ich finde aber auch, dass dieser nicht weit genug geht. Neben einer Anpassung des Stufenplans und einer ständigen Überprüfung der Corona-Maßnahmen auf die psychische Gesundheit und entwicklungspsychologischen Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen schlage ich deshalb unter anderem gesonderte Teststrategien für die Kinder- und Jugendarbeit vor. Im Vergleich zur Wirtschaft wird dieser Bereich, einschließlich des präventiven Kinderschutzes, meines Erachtens viel zu wenig beleuchtet. Die Haupt- und Ehrenamtlichen in der Kinder- und Jugendarbeit sind extrem kreativ und pflichtbewusst. Sie leisten in diesen Zeiten einen unersetzbaren Beitrag für das Wohlergehen unserer Kinder und Jugendlichen. Auch die meisten Kinder haben es im Übrigen mehr drauf als so mancher erwachsene Corona-Leugner. Ich bin mir sicher, dass viel mehr möglich ist, das muss die Regierung jetzt angehen. Dann sind sogar mehrtägige Freizeiten im Sommer möglich.

Link zur Debatte im Landtag: Sorge um Gesundheit und Belastung der Jüngsten

Link zum SPD-Antrag: Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie stärker berücksichtigen und Teilhabe sichern

Kinder und Jugendliche & Corona: Gesundheitsschutz ist mehr als Infektionsschutz

Zur Debatte im Landtag anlässlich der Konferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder zur Corona-Pandemie am 10. Februar 2021.

„Kinder sind unsere Zukunft“, so heißt es oft. Doch in den letzten Monaten haben wir diese aus dem Blick verloren. Die angespannte Lage des letzten Jahres macht viele Kinder und Jugendliche krank. Und sie hatten in der Krise bis jetzt keine wirklich starke Lobby. Das müssen wir eingestehen und ändern.

Es wird immer gesagt, es könnte ein verlorenes Jahr werden. Ich glaube es ist schon ein verlorenes Jahr. Und wir brauchen eine Kinder- und Jugendstrategie – und zwar jetzt.

Die Lage ist ernst. Fachleute schlagen Alarm – Kinder und Jugendpsychologen, Ärzte und Pädagogen. Wir sehen deutlichen Anstieg von psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen aller Altersstufen. Diese können bis zu massiven Beeinträchtigungen und Störungen reichen. Fast jedes dritte Kind zeigt ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Das ist das Ergebnis der zweiten Befragung der sogenannten Copsy-Studie des UKE.

Und auch viele Eltern schlagen Alarm. Auch wir gehören zu den sogenannten Corona-Eltern. Und das kann ich auch einfach mal aussprechen: Wir können schlicht nicht mehr. Und das geht vielen Eltern in diesem Land so.

Kleinkinder zeigen vermehrt Trennungsängste, bei Schulkindern gibt es eine Häufung von Schulängsten und unter Jugendlichen steigt das Risiko von missbräuchlichen Mediennutzungen, Essstörungen, Drogenkonsum und weiteres.

Das sozialpolitische Dilemma dabei ist, dass irgendwann ein sozialpolitisches Rettungspaket dafür brauchen. Spätestens nach der Pandemie müssen wir für all das teuer bezahlen.

Bei dieser problematischen Entwicklung spielt auch das Wegbrechen von Kinder- und Jugendarbeit eine Rolle. Es wurde viel über Schule und Kita gesprochen – das ist auch richtig so. Aber wir müssen auch über die anderen Angebote reden: Die Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen ist ja auch etwas breiter. Angebote der Jugendhilfe, Kindermusikgruppen, Sportmannschaften, Jugendfreizeiten, Jugendtreff oder Pfadfindergruppen, Landjugend und vieles mehr. Kinder und Jugendliche brauchen vor allem Gleichaltrige, um sich entwickeln zu können: Freiräume, Selbstwirksamkeit und Selbstbehauptung.

Das Leben spielt sich eben nicht nur in der Schule ab. In der Schule wird auf Bildung vorbereitet, auf den Arbeitsmarkt – das ist auch alles richtig und wichtig. Aber das bedeutet für viele Kinder und Jugendliche auch Leistung und Zwang. Und wenn jetzt gerade die Sorgen groß sind: Schaffe ich meinen Abschluss? Schaffe ich die Versetzung? Und wir hören, dass es da an manchen Schulen auch schon Eltern gibt, die Sturm laufen, dann ist das eine Sache, die wir an anderer Stelle auch diskutieren. Aber da geht etwas verloren – und das ist nicht gut. Wir werden das an anderer Stelle auch noch breiter diskutieren.

Daher brauchen wir auch ein paar Dinge:

  1. Eine stärkere Unterstützung der Jugendeinrichtungen: personell, technisch, methodisch und hygienisch.
  2. Hygienekonzepte für eine Öffnungsstrategie in der Kinder- und Jugendarbeit. Das könnte man auch parallel zu den Schulen machen, wenn hier mit Tests etc. gearbeitet wird.
  3. Eine verlässliche Kommunikation für Träger der Jugendarbeit. Ehrenamt braucht Vorlaufzeit – wir sollten an dieser Stelle auf sie hören.

Und was ganz wichtig ist: Wir sollten auf die Expert:innen hören – Kinderlobby, Jugendverbände, aber eben auch die Kinder und Jugendlichen selbst. Das ist mein Apell für die nächsten Wochen.

Wenn Kinder unsere Zukunft sind, dann müssen wir das in den nächsten Wochen auch ernst nehmen. Lassen Sie uns das tun!