Antirassismus-Diskussion im Landtag ist auch relevant für Ahrensburger Schlossdebatte

Tobias von Pein

Rassismus und Rechtsextremismus müssen in unserer Gesellschaft früher erkannt und verhindert werden. Gerade Online-Subkulturen, in denen sich fast ausschließlich junge Männer, gegenseitig im Netz radikalisieren und zu Gewalttaten anstiften, werden bisher nicht richtig in den Blick genommen. Daher müssen insbesondere Menschen, die in der öffentlichen Verwaltung tätig sind und im Rahmen ihres Berufs mit diesen Online-Subkulturen in Berührung kommen, für den Umgang mit Rassismus sensibilisiert werden. Wie die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Universität Leipzig zeigen, sind nämlich auch bei Menschen, die nicht als rechtsextrem oder rassistisch wahrgenommen werden, oftmals rassistische Denkmuster vorhanden. Auch unterbewusst reproduzieren sich die Denkmuster, mit denen wir sozialisiert wurden, wenn diese nicht öffentlich thematisiert und eingeordnet werden. Für die Aufarbeitung und Einordnung dieser Denkmuster sind wir auf die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Akteur*innen angewiesen.

In unserer Gesellschaft gibt es leider viele Formen von Rassismus. Die am stärksten Betroffenen solcher gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind derzeit Musliminnen und Muslime, Jüdinnen und Juden, People of Color sowie Sinti*zze und Rom*nja. Aber auch asiatisch gelesene Menschen sind, verstärkt seit Beginn der Pandemie, Betroffene rechter Gewalt in Deutschland. Hier gegen muss kontinuierlich vorgegangen werden.

Wir Sozialdemokrat*innen begrüßen es daher sehr, dass die Landesregierung endlich einen Aktionsplan gegen Rassismus auf den Weg bringt. Spät, aber immerhin. Mit unserem Antrag wollen wir dieses Ansinnen auch von unserer Seite unterstützen. Als Sozialdemokrat*innen stellen wir uns konsequent gegen jede Form von Rassismus und zeigen uns solidarisch mit allen Betroffenen rechter Gewalt und Diskriminierung.

Auch an Schulen wollen wir mehr Aufklärung schaffen. Antirassismus muss stärker in den Lehrplänen der Schulen verankert werden. Das bedeutet auch, dass neben den bekannteren Formen von Rassismus (bspw. Antisemitismus) über weitere Aspekte, wie die Zusammenhänge der Kolonialgeschichte und über den Porajmos aufgeklärt wird. Die Wissenschaft wollen wir darin unterstützen, im Zusammenhang mit dem Phänomenbereich Rassismus noch mehr zu forschen. Sowohl was die Grundlagenforschung angeht als auch praktische Aspekte wie Präventionskonzepte. Mir sind vier Sachen wichtig: Sensibilisierung und Aufklärung, Prävention und Forschung – so können wir Rassismus und Rechtsextremismus nachhaltig bekämpfen.

Die Diskussion, die heute im Landtag geführt wird, hat auch Relevanz für unsere Schlossdebatte in Ahrensburg. Bis heute setze ich mich dort für ein Mahnmal ein, welches an die Opfer der Versklavung durch den ehemaligen Schlossherrn Schimmelmann erinnert. Den neuen Schwung, der durch die Diskussion in die postkoloniale Aufarbeitung kommt, begrüße ich daher sehr.

Link zur Debatte im Landtag: Altem und neuem Rassismus den Nährboden entziehen – Diskriminierung vorbeugen

Ein Mahnmal für die Opfer von Sklavenhandel und Kolonialismus

Schatten über dem Schloss – Landtagsabgeordneter fordert Mahnmal für die Opfer des Kolonialismus in Ahrensburg

Zusammen mit der Wissenschaftlerin Prof. Dr. Bea Lundt und der Aktivistin Patricia Nnadi durfte ich über die Bedeutung der kolonialen Vergangenheit in der Gegenwart diskutieren. Veranstaltet wurde die Podiumsdiskussion vom Julius-Leber-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), moderiert hat Dr. Christian Testorf.

Die Diskussionsteilnehmer:innen (v.l.): Patricia Nnadi vom Kollektiv afrodeutscher Frauen Schleswig-Holstein, Prof. Dr. Bea Lundt von der University of Education Winneba in Ghana und Tobias von Pein aus der SPD-Landtagsfraktion SH. © Tobias von Pein

Die Gegenwart und die Vergangenheit weisen enge Bezüge zueinander auf – eine Trennung zwischen vergangenem Kolonialismus und aktuellem Rassismus scheint nicht haltbar. Deshalb ist die Aufarbeitung des kolonialen Erbes ein notwendiger Teil der Diskussion um heutigen Rassismus. Dieser hat eine seiner Wurzeln im Denken europäischer Eroberer und Gelehrter. Es braucht eine breite Debatte in unserer Gesellschaft. Das schließt die überregionale und globale Dimension ebenso ein, wie eine Auseinandersetzung ganz konkret vor Ort.

Das Thema ist so wichtig, dass es präsent für alle sichtbar sein muss. Es muss in der Schule stärker behandelt werden, es muss an Orten mit Bezügen zur Kolonialgeschichte sichtbar sein – also auch in Ahrensburg. Deshalb fordere ich ein Mahnmal für die Opfer von Sklavenhandel und Kolonialismus. Dies könnte als eine Art Gegendenkmal auf dem Schlossgelände an die Schattenseiten von Heinrich Carl Schimmelmann erinnern.

Heinrich Carl Schimmelmann wurde in Ahrensburg bereits in der Vergangenheit gelegentlich diskutiert. Als einflussreicher Sklavenhändler beteiligte er sich am sogenannten „Dreieckshandel“. Im Jahr 1759 er erwarb er das Schloss in Ahrensburg. Durch seinen Reichtum und Einfluss gilt er als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der Geschichte Ahrensburgs.

Angesichts der weltweiten Proteste gegen institutionellen und alltäglichen Rassismus bekam auch die Aufarbeitung der Vergangenheit eine breitere Aufmerksamkeit. Und das ist gut so. Die aktuelle Debatte darf nicht versanden. Was derzeit an vielen Orten passiert, muss einen größeren Prozess vorantreiben, an deren Ende Erinnerungskultur differenzierter und vielfältiger geworden ist. Dazu gehört es auch, die Janusköpfigkeit der Geschichte darzustellen: Reichtum und Prunk bei uns in Ahrensburg ist nicht zu denken ohne die Versklavung, erniedrigender Ausbeutung von Menschen anderenorts. Eine einfache Ideologie der schönen Schlösser ist nicht hinnehmbar.

Durch meine langjährige Arbeit gegen Rassismus und Rechtsextremismus ist mir bekannt, wie wichtig es ist, Opfer rassistischer Gewalt eine Stimme zu geben. Die Opfer des Sklavenhandels, deren Namen wir heute oft nicht mehr herausfinden können, litten nicht nur unter einem perversen und menschenverachtenden Wirtschaftssystem, sondern auch ganz klar unter Rassismus. Durch ein Mahnmal können die Opfer sichtbar gemacht werden und zu einer Sensibilisierung beitragen.

Die Auseinandersetzung um Heinrich Carl Schimmelmann steht dabei nicht nur im Kontext der gesellschaftlichen Debatte um Rassismus und Kolonialismus. Auch das Ansinnen der Stadt und der Mehrheit im Bildungs- und Kulturausschuss der Stadtverordnetenversammlung, eine Überprüfung von Namensgebungen im öffentlichen Raum vorzunehmen, ist eng verbunden mit dem Thema. Mit der geplanten Kommission ist die Stadt mutig vorangegangen. Mit der notwendigen Aufarbeitung wird ein erster Schritt getan. Welche Empfehlung die Kommission am Ende abgibt, welcher Beschluss gefasst wird, bleibt offen. Aber ich hoffe auf eine Umbenennung. Ein Straßenname ist in der breiten Wahrnehmung auch immer eine Ehrung. Wir brauchen aber keine Ehrung, sondern Mahnung und Aufarbeitung.

Auf dem Podium (v.l.): Patricia Nnadi vom Kollektiv afrodeutscher Frauen Schleswig-Holstein, Prof. Dr. Bea Lundt von der University of Education Winneba in Ghana, SPD-Landtagsabgeordneter Tobias von Pein aus Stormarn und Dr. Christian Testorf vom Julius-Leber-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung. © Tobias von Pein

Drei Dinge sind zentral: Zum einen möchte ich keine Ehrung für unehrenhafte Personen, zum anderen braucht es eine Sichtbarmachung von Leid, Elend und Unterdrückung, die zum Teil bis heute anhält. Nicht zu guter Letzt, braucht es eine breite Diskussion mit Bürger:innen, Betroffenen und Wissenschaftler:innen sowie ein erweitertes Bildungsangebot in diesem Bereich. Diese Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) verstehe ich dabei als Teil einer solchen Diskussion. Es war eine bunte und vielfältige Debatte, für die ich mich bei den Menschen auf dem Podium und im Publikum, der FES sowie der Stadtbücherei Ahrensburg bedanken möchte.

Die Veranstaltung fand am Mittwoch den 30.09.2020 in der Stadtbücherei Ahrensburg statt.

Straßennamen im Hier und Jetzt bewerten

Zum Beschluss des Bildungs- und Kulturausschusses in Ahrensburg zur Überprüfung von Namensgebungen im öffentlichen Raum vom 03. September 2020.

Selbstverständlich können wir historische Persönlichkeiten aus einer heutigen Perspektive betrachten und bewerten. Wir müssen dies sogar – wir laufen ja schließlich heute durch die Straßen und nicht vor 50 Jahren. Nicht auszumalen, durch welche Straßen wir liefen, dürfte man sie nicht umbenennen und den zeitgemäßen Werten anpassen. Deshalb ist es grundsätzich ein erfreulicher Beschluss, der im Bildungs- und Kulturausschuss in Ahrensburg gefällt wurde. Dieser sieht vor, dass eine Kommission eingesetzt wird, die nach historischen Persönlichkeiten benannte Orte (Straßennamen etc.) in Ahrensburg überprüfen soll.

Es ist aus Sicht vieler Menschen einfach nicht mehr zeitgemäß, Straßen oder andere Orte nach Kolonialherren, preußischen Demokratieverächtern oder NS-Personal zu benennen. Deshalb ist es auch ein mutiger und zeitgemäßer Schritt in die richtige Richtung, den der Ausschuss beschlossen hat.

Straßennamen sind immer auch eine Ehrung. Es ist dabei nur bedingt oder nicht von Bedeutung, was der Grund für die Benennung war – sei es, dass eine Person tatsächlich geehrt werden sollte, weil sie dort einmal gelebt hat, dort etwas entdeckt hat, oder für den benannten Ort die Geldbörse aufgemacht hat. Personen wie Heinrich Carl von Schimmelmann oder Alfred Rust haben sich aus heutiger Sicht aber nicht ehrenhaft verhalten.

Zu Schimmelmann & Kolonialismus in Ahrensburg im Speziellen: Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes ist ein notwendiger Teil der Diskussion um heutigen Rassismus. Dieser hat eine seiner Wurzeln im kolonialen Denken europäischer Eroberer und Gelehrter. Daher kann die Debatte um entsprechende Personen und Denkmuster selbst, wenn sie denn gut und breit geführt wird, ein wichtiger Teil der Aufarbeitung sein. Hier bleibt abzuwarten, wie der Prozess der Aufarbeitung vonstattengeht und welche Schlüsse daraus gezogen werden. Am Ende stehen hoffentlich ein kritisches Bewusstsein und erhöhte Sensibilität für das Thema bei den Bürgerinnen und Bürgern in Ahrensburg und darüber hinaus.

Im Juni beschäftigte sich der Schleswig-Holsteinische Landtag mit der kolonialen Vergangenheit in Schleswig-Holstein (Link): „Unbekannte“ Kolonialgeschichte ins Bewusstsein rücken (Landtag 18. Juni 2020).

Wer wissen will, worum es in der Diskussion in Ahrensburg geht (Link): Benennungen und Ehrungen im öffentlichen Raum (Diskussion im Bildungs-, Kultur- u. Sportausschuss Ahrensburg – 03.09.2020 – 19:30-21:45 Uhr)

Fühere Stellungnahme zum Thema Kolonialgeschichte in Ahrensburg (Link): Kolonialismus: Auch in Stormarn gibt es Gesprächsbedarf (Juni 2020)

Am 30.09. veranstaltet das FES-Julius-Leber-Forum eine Podiumsdiskussion zum Thema „Schatten über dem Schloss. Wie und wo lebt die koloniale Vergangenheit heute fort?“ in der Stadtbibliothek Ahrensburg. Ich darf auf dem Podium mitdiskutieren. Anmeldung unter (Link): Schatten über dem Schloss. Wie und wo lebt die koloniale Vergangenheit heute fort?